WIE CORONA DIE ZUKUNFT DER ARBEIT VERÄNDERT

Geschrieben von Ina Schlie

Ich möchte dieses Statement mit einem Zitat von Verena Pausder beginnen, die mit ihrem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Das Neue Land“ viele inspiriert und darin Ideen skizziert, wie Deutschland zukunftsfähiger und innovativer werden kann.

„[…] Corona ist ein Einschnitt in unser Leben. Das wird keiner je vergessen. Im Zeitraffer scheint sich aufzulösen, was bisher war. Gewohnheiten, Gewissheiten, Überzeugungen – alles auf dem Prüfstand. Gestoppt wurde ein Leben, wie wir es kannten – und das so schnell, so wirklich und so tiefgreifend wie es die Welt in den letzten Jahrzehnten nicht erlebt hat. In den vergangenen Jahren haben wir – auch ich – viel und wohl etwas arglos von Disruption gesprochen, dass sich Unternehmen, dass sich das politische und wirtschaftliche Leben radikal ändern müsse, damit wir zukunftsfähig bleiben. Jetzt haben wir gesehen, wie unbarmherzig Disruption ist – wenn nichts mehr ist, wie es gestern war, und was „radikal“ in Wirklichkeit bedeutet.“

Eines ist klar. Eine Arbeitswelt wie vor der Pandemie wird es nicht mehr geben. Nur, wie sieht die Zukunft aus? Was aus der Zeit vor Corona kann oder soll erhalten bleiben und wo hat ein Wandel begonnen, der nicht mehr aufgehalten werden kann? Walter Jochmann, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Kienbaum, sieht für die Unternehmen in der „Dramatik der Krise ein nie da gewesenes Momentum […], das bahnbrechende Veränderungen auslösen wird.“ [1] Doch wie genau hat die Pandemie die Arbeitswelt verändert und was erwartet uns noch?

Corona beschleunigt die digitale Transformation

Die Bertelsmann-Stiftung hat gemeinsam mit dem Münchner Kreis e.V. in ihrer Zukunftsstudie „Leben, Arbeit, Bildung 2035“ [2] die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Arbeitswelt in Deutschland ins Visier genommen. Eine der wesentlichen Ergebnisse aus der Studie lautet, dass Corona die digitale Transformation in der Arbeitswelt beschleunigen wird – dies glauben ganze 92 Prozent der Befragten. 85 Prozent der Befragten glauben, dass Homeoffice und/oder mobile Arbeit sich zukünftig als alternative Arbeitsform durchsetzen wird, und dass digitale Tools zum gängigen Arbeitsalltag gehören werden. Sie erwarten, dass vor allem digitale Dienstleistungen und Kundenkommunikationskanäle weiterhin verstärkt zum Einsatz kommen werden und Arbeitsprozesse und -strukturen im neuen Modus bleiben werden. Unsere Arbeitswelt wird diverser und Führung wird in Zukunft auf Vertrauen basieren müssen, so die Teilnehmer der Studie. Es wird eine Balance aus virtueller und physischer Präsenzkultur gefunden werden müssen. Das bedeutet besonders für traditionelle und hierarchisch aufgestellte Unternehmen eine gravierende Umstellung, speziell was die Mitarbeiterführung betrifft. Funktionierendes Digital Leadership ist für die Unternehmen somit essentiell geworden.

Was heißt Digital Leadership?

Für Heike Schönmann, Geschäftsführerin von nextexitfuture, bedeutet das, dass alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation genutzt würden. Zudem seien folgende Führungsqualitäten enorm wichtig.

„Zum einen geht es dabei um Vertrauen, also dass Führungskräfte sich auf ihre Mitarbeiter*innen verlassen. Insbesondere in Zeiten, in denen Teams auf Distanz geführt werden. Der zweite Punkt ist Partizipation. Das heißt, dass Mitarbeiter*innen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden und die Führungskraft nicht alleine Dinge beschließt. Ein weiterer Punkt sind flache Hierarchien; mit dem Effekt, dass Entscheidungswege deutlich kürzer werden. Noch ein wichtiger Aspekt ist eine offene Fehlerkultur. Mitarbeiter*innen dürfen Fehler machen, sie werden nicht abgestraft, sondern sie lernen daraus, und teilen dieses Lernen im Team – so dass alle daraus lernen.“[3]

Insofern muss eine Atmosphäre geschaffen werden, die Lust auf Wandel macht sowie ein Wirgefühl vermittelt – und das alles auf Distanz. Für so manchen Manager ist das ungewohnt, wie eine Befragung der Unternehmensberatung Odgers Berndtson von rund 1100 Führungskräften zeigt. Demzufolge sehen zwei Drittel der Teilnehmer die Aufrechterhaltung der informellen Kommunikation als größte Herausforderung in virtuellen Teams.[4]

Work-Life-Blending

Gerade einmal zwölf Prozent der Mitarbeiter arbeiteten vor Corona im Homeoffice. Schätzungen der Universität Mannheim zufolge hat sich der Anteil durch die Pandemie nun auf 25 Prozent mehr als verdoppelt. Ein Trend, der sich nach Ansicht von Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager (BPM), fortsetzen wird: „Alle, vom Azubi bis zum Aufsichtsrat, haben eine steile Lernkurve hingelegt.“ Sogar ein Recht auf Heimarbeit schlug Arbeitsminister Hubertus Heil vor. Viele Mitarbeiter genießen es, mehr Freiheiten bei ihrer Zeitplanung zu haben. Selbstorganisiert zu arbeiten, empfinden viele als Erleichterung. Andere fühlen sich im Homeoffice wie in sozialer Isolation und kämpfen mit den Herausforderungen aus dem Zusammenspiel von Privatem und Beruflichem. Genau dieses Zusammenspiel, gar Verschmelzen von Privatem und Beruflichem nennen Experten „Work-Life-Blending.“

Digitalisierung ja, Nachhaltigkeit nein?

Die zweite erkennbare Tendenz aus der Bertelsmann-Zukunftsstudie „Leben, Arbeit, Bildung 2035“ ist allerdings weniger erfreulich: die durch die Pandemie hervorgerufenen positiven Effekte für die Nachhaltigkeit einer digitalen Arbeitskultur wie z.B. weniger Dienstreisen, weniger Flüge, ein geringeres Verkehrs- bzw. Pendleraufkommen, das Andauern der Stadtflucht, die allgemeine Entschleunigung und die verstärkte Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer werden voraussichtlich keine langfristige Wirkung haben. Nur 17 Prozent der Befragten erwarten, dass die Menschen auch nach der Krise nachhaltiger Leben und Arbeiten werden. Hier könnte aus Sicht der Studienteilnehmer nur politische Initiative helfen, um diesen Prozess nicht aufzuhalten bzw. wieder umzukehren. Eine Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen ggf. durch ein Recht auf mobiles Arbeiten – würde die Umsetzung von mehr Nachhaltigkeit in Betrieben unterstützen, so die Studie.

Schema für einen erfolgreichen Weg ins New Normal

Dr. Josephine Hofmann beschreibt im Blog des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), wie der Weg in die neue Normalität erfolgreich gelingen kann. Zunächst gilt es, die Erfahrungen der vergangenen Wochen auszuwerten und sie dann für die Strukturen einer neuen Arbeitswelt zu nutzen. „Die Lernerfahrungen der letzten Wochen sind zu wertvoll, um nicht systematisch genutzt zu werden. Ihre Mitarbeitenden sind die besten Experten Ihrer Arbeitswelt. Mobilisieren und nutzen Sie sie!“ Sie spricht zudem von einem neuen Leitbild, das es zu definieren gilt und organisationsweit gelten solle. „Wie viel Homeoffice, mobiles Arbeiten, Arbeit im Büro wollen Sie langfristig realisieren? Wollen Sie Mindestpräsenszeiten? Welche Reise-Policy wollen Sie entwickeln?“[5] Diese und viele weitere Fragen sollten unter Einbeziehungen von Führungskräften und Mitarbeitern neu beantwortet werden. Auch die virtuelle Zusammenarbeit mit Kunden in den vergangenen Wochen sollte überprüft und gegebenenfalls verbessert bzw. professionalisiert werden.

Technische und arbeitsrechtliche Voraussetzungen sind unabdingbar

Um dauerhaft erfolgreich in dieser neuen Arbeitswelt agieren zu können, wurde eine Überprüfung der IT unumgänglich. Von der Conferencing-Software bis hin zum geeigneten Diensthandy, um vom Prozessanfang bis zum -ende digital zu arbeiten, sollten viele Bausteine auf den Prüfstand gestellt werden. Dazu sind natürlich auch betriebliche Regelungen für digitales/mobiles Arbeiten erforderlich. Der Arbeitgeber muss sich Klarheit über neue Arbeitszeitregelungen, Zeiterfassung mit digitalen Tools oder der Abkehr von festen Arbeitszeiten verschaffen. Die Teams sollten hierfür die Freiheit bekommen, eine eigene Teamcharta zu entwickeln, so Hofmann, um zu verhindern, dass die Teammitglieder durch diese neu gewonnenen Freiheiten einander aus dem Blick verlieren. Diese neue Arbeitskultur benötigt zudem weiterhin Zeit für Begegnungen und Wertschätzung, um zu funktionieren. Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky beschreibt, dass Unternehmen sich immer mehr zu sogenannten „caring companies“ entwickeln müssen. Er erläutert dem Handelsblatt: „Fürsorgliche Firmen bauen Bindungen in das soziale Umfeld des Mitarbeiters auf […] Die Firma [wird] ein Stück weit Teil der Familie […] – vor allem in Branchen und Regionen, wo der Fachkräftemangel besonders stark zu spüren ist.[6] 

Der richtige Zeitpunkt ist jetzt

Dr. Axel Korge, ebenfalls Mitarbeiter des Fraunhofer IAO und Experte für Industrie 4.0, ist zuversichtlich und rät, nicht nur abzuwarten: „Die Zukunft bleibt ungewiss. Abzuwarten bis Klarheit besteht, stellt aber ein unkalkulierbares Risiko dar… Jedes Unternehmen sollte heute damit beginnen, Agilität zu entwickeln, also die Anpassungsfähigkeit und Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen und den Umgang mit Ungewissheit zu lernen. Konkrete Strategien und Konzepte für die Unternehmensentwicklung werden sich im Verlauf des Veränderungsprozesses herauskristallisieren. Den ersten und schwierigsten Schritt hat Ihr Unternehmen bereits gemacht.“ Sogar die Automobilindustrie hat durch Corona damit begonnen, ihre Autos digital zu vertreiben. Audis Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann schrieb in einem kürzlich veröffentlichten LinkedIn-Beitrag, dass die Digitalisierung der Schlüssel zum Erfolg sei. Händler in China seien die ersten gewesen, die die Corona-Krise getroffen habe. Die Audi-Partner vor Ort hätten kreative Lösungen gefunden, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben und sogar neue Fans zu gewinnen. Alleine in China habe die Anzahl der Online-Transaktionen in den ersten drei Monaten 2020 die des Gesamtjahres 2019 um 19 Prozent übertroffen.[7] Hier zeigt sich, wer frühzeitig auf Multi-Channel-Strategien gesetzt hat, konnte in der Corona-Krise davon profitieren.

Beschleuniger Corona langfristig nutzen

Die Unternehmen sollten jetzt die Zeit nutzen, um den Beschleuniger Corona, der in kürzester Zeit den Arbeitsalltag im Unternehmen notgedrungen verändert hat, langfristig zu nutzen. Viele Menschen haben die Umstellung ihrer Arbeit von einem auf den anderen Tag mit minimaler Unterstützung sehr selbstständig und erfolgreich gemeistert. Das bedeutet doch, Mitarbeiter finden Lösungen, wenn man sie lässt. Grundlage für einen dauerhaften und erfolgreichen Wandel ist hierfür allerdings ein festes Fundament aus geeigneter Technik, neuen Regelungen und einem neuen Selbstverständnis aller Mitarbeiter.

 

Verweise

[1] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/buerotrends-digitaler-traditioneller-gruener-corona-koennte-die-arbeitswelt-nachhaltig-veraendern/v_detail_tab_print/25865016.html

[2] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/zukunftsstudie-leben-arbeit-bildung-2035

[3] https://www.nextexitfuture.com/digital-leadership-definition/

[4] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/buerotrends-digitaler-traditioneller-gruener-corona-koennte-die-arbeitswelt-nachhaltig-veraendern/v_detail_tab_print/25865016.html

[5] https://blog.iao.fraunhofer.de/7-schritte-ins-new-normal-was-sie-jetzt-tun-sollten/

[6]  https://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/buerotrends-digitaler-traditioneller-gruener-corona-koennte-die-arbeitswelt-nachhaltig-veraendern/v_detail_tab_print/25865016.html

[7] https://www.kfz-betrieb.vogel.de/rund-10000-einheiten-online-vertrieb-kommt-bei-audi-durch-corona-ins-rollen-a-928099/

 

Ina Schlie
Ina Schlie

Ist Investorin bei nextexitfuture

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