Sophia Saller, die viel aus dem Leistungssport gelernt hat, beim Titelgewinn der Junioren-WM im Triathlon

Was ich aus dem Leistungssport gelernt habe

Geschrieben von Sophia Saller

Ein Gastbeitrag von Sophia Saller.

Die letzten 10 Jahre meines Lebens war ich Leistungssportlerin. In diesen 10 Jahren habe ich fast jeden Tag mehrere Stunden trainiert – am Ende der Wettkampfsaison hatte ich jedes Jahr 2 Wochen Trainingspause bevor es wieder losging. Dazu kam noch ab und an ein Entlastungstag an dem nicht trainiert wurde, aber meist nicht mehr als ein Tag im Monat. Neben dem Sport habe ich mein Abitur gemacht, an der University of Oxford studiert und dort auch promoviert. Während meiner Zeit im Leistungssport habe ich viel erlebt: von überraschenden Erfolgen, dem Druck als Favoritin in ein Rennen zu gehen, Reisen in viele verschiedene Länder, Freunden aus vielen verschiedenen Kulturen und Nationen, einigen frustrierenden Verletzungen, bis hin zur verpassten Olympiaqualifikation. Der Leistungssport hat mein Leben in den letzten Jahren geprägt und mir viel beigebracht, was mir auch heute in meinem Leben nach dem Leistungssport noch sehr hilft. Leistungssport ist in gewisser Weise mehr als nur ein Beruf. Man hört am Abend und am Wochenende nicht einfach auf Sportler zu sein. Zum Leistungssport gehört, dass man sich richtig ernährt, gut und genug schläft, auf seine Erholung achtet und sich außerhalb des Trainings nicht noch unnötig belastet. Zum Leistungssport gehört, dass man an seine Grenzen und darüber hinaus geht, weiter macht, wenn es hart ist und zum Training geht auch wenn man gerade müde ist oder keine Lust hat. Zum Leistungssport gehört, dass man Prioritäten setzt, ab und an wichtige Events, Geburtstagsfeiern oder Familienurlaube verpasst und all das nur um schneller, höher, weiter zu kommen als die Anderen. Im Leistungssport zählt nicht die Arbeit, die man tagtäglich in den Sport steckt – am Ende zählt nur das Ergebnis.

Behalte im Blick, was Dir wirklich wichtig ist

Es ist einfach, sich im „Triathlon-Universum“ zu verlieren, wo sich alles um den Sport dreht. Es ist einfach zu vergessen, dass der Erfolg im Triathlon nicht alles ist, was im Leben zählt. Es ist einfach zu vergessen, dass man mehr als nur Triathlet ist. Das trifft natürlich nicht nur im Triathlon zu. 2014 war eines meiner erfolgreichsten Jahre. Ich wurde Vize-Europameisterin und U23 Weltmeisterin in meiner ersten Saison bei den „Erwachsenen“. 2015 lief noch besser, ich konnte bei den „Großen“ im Triathlonsport mithalten und wurde 20. in der WM-Serie. 2016 brachte mich zurück zur Realität. Das Jahr begann für mich mit einem Ermüdungsbruch, welcher mir später die Olympiaqualifikation kostete. Zugleich erkrankte mein Vater schwer – und plötzlich war Triathlon nicht mehr das Wichtigste im Leben. Ich verpasste Olympia 2016, gewann dadurch aber einige wunderschöne und unvergessliche letzte Wochen mit meinem Vater; diese zu verpassen wäre die Teilnahme an den Olympischen Spielen nicht wert gewesen. Zum Leben gehört so viel mehr als nur Arbeit – Studium – Leistungssport… man sollte nie so in einem „Universum“ gefangen sein, dass man die wirklich wichtigen Momente im Leben verpasst.

Die Basis: Prioritäten

Auf der anderen Seite gehört zum Leistungssport, dass man lernt, sich auf das Wichtige zu fokussieren und Prioritäten zu setzen. Besonders wenn man Studium und Leistungssport verbindet lernt man, dass der Tag wirklich eine begrenzte Zahl an Stunden hat. Am besten sollte man 8 Stunden am Tag studieren, 8 Stunden für den Sport aufwenden, mindestens 8 Stunden schlafen und dazu noch Zeit für Freunde, Familie und sich selbst haben. So lernt man schnell, dass man nicht alles haben kann; man muss einfach auf etwas verzichten. Dies lernte ich zu Beginn meiner Zeit an der Universität recht schnell. Nach einigen Wochen ohne ausreichend Schlaf ist der Körper übermüdet und alles ist plötzlich viel schwerer, auch das Denken! Ich habe mich für Studium und Sport entschieden. Ich habe gelernt, die Zeit, die mir zur Verfügung steht, effektiver zu nutzen – wenn ich trainiert habe, dann war der Kopf und Körper auch zu 100% beim Training. Genauso beim Studium – bei Vorlesungen, beim Lernen, beim Forschen war der Kopf immer zu 100% beim Thema, den Luxus von „zu viel Zeit“ hatte ich nie.

Mehr ≠ besser

Man denkt, dass man als Leistungssportlerin jede freie Minute mit Training verbringen sollte, dass man immer mehr und härter als die anderen trainieren sollte, um im Wettkampf besser zu sein. Ich habe auf die harte Weise lernen müssen, dass das einfach nicht stimmt. Mehr ist nicht immer besser – manchmal ist weniger wirklich mehr. Im Jahr 2017 hatte ich den Großteil der Triathlon-Saison durch eine schwere Verletzung verpasst. Ich war motiviert im nächsten Jahr wieder richtig anzugreifen. Bei Wettkämpfen am Ende der Saison 2017 hatte ich gesehen wie gut ich trotz dem fehlenden Training durch die Verletzung mithalten konnte. Der „Winter“ geht im Triathlon von Anfang Oktober bis Anfang März und ist die Zeit in der keine Triathlon-Wettkämpfe stattfinden, und man die Grundlagen für den nächsten „Sommer“ (die Wettkampfsaison) aufbaut. Ich wollte also den Winter nutzen, um im Sommer 2018 wieder ganz vorne dabei sein zu können. Doch nach einigen Wochen wurde es meinem Körper zu viel; ich wurde langsamer, was zunächst nur dazu führte, dass ich noch mehr trainierte, bevor mein Körper streikte. Ich hatte versucht, mein verpasstes Training aufzuholen und dadurch meinen Körper so erschöpft, dass ich mich erst nach einigen Wochen fast ohne Training wieder normal fühlte. Im Leistungssport lernt man an seine Grenzen zu gehen und weiter zu machen, wenn man denkt es geht nicht mehr. Aber man lernt auch die Grenzen seines Körpers kennen. Mehr ist nicht immer besser, manchmal ist mehr einfach zu viel.

Akzeptiere das Unkontrollierbare

Triathlon ist ein Sommersport – im Winter wird nur trainiert. Fast ein halbes Jahr lang findet kein einziger Triathlon-Wettkampf statt. Man trainiert vor sich hin und hofft, am Ende schnell zu sein. Man lernt, Vertrauen in den Prozess zu haben – klar, man sieht wie man Woche zu Woche fitter wird, aber man sieht erst bei den ersten Wettkämpfen wo man wirklich im Vergleich zu den Anderen steht. Man lernt, hart zu trainieren ohne handfeste Ergebnisse zu sehen. Man hofft, verletzungsfrei zu bleiben und die richtige Balance zwischen genug und zu viel zu finden. Mir ist es leider zweimal während meiner Zeit als Leistungssportlerin passiert, dass die Balance nicht gestimmt hat – und ich mir kurz vor Beginn der Wettkampfsaison noch eine Verletzung zugezogen habe. Man trainiert 6 Monate jede Woche 20 – 30 Stunden um kurz bevor man die Lorbeeren des vielen und harten Trainings ernten kann sich zu verletzen. Es ist hart zu akzeptieren, wenn plötzlich und ohne Vorwarnung alle Ziele für das Jahr über den Haufen geworfen werden. Eine der Verletzungen war die Folge eines Radsturzes – im Bruchteil einer Sekunde und auf einer leicht feuchten und rutschigen Straße verpufften plötzlich die Pläne und Ziele der nächsten Monate. Damit umzugehen ist nicht einfach, aber man lernt, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht kontrollieren kann. Man lernt sich auf die Dinge zu fokussieren, die man kontrollieren kann und hofft, dass der Rest dann mitspielt. Ich habe neben dem Triathlon studiert und promoviert. Der Leistungssport war für mich ein sehr wichtiges Vollzeithobby. Bei den Wettkämpfen bin ich gegen Profis gestartet, die viel mehr Zeit für Training und Erholung hatten als ich. Das erste Mal, als ich eine meiner Triathlon-Idole in einem Wettkampf überholt habe, habe ich innerlich nur den Kopf geschüttelt – Ich? Hier? Wirkte irgendwie surreal. Aber an der Startlinie sind wir dann doch alle gleich – es geht nicht um die Stunden, die jeder trainiert hat; es geht darum wie effektiv die Zeit, die man hat genutzt wurde, um das Beste aus sich heraus zu holen. Natürlich gab es mehr als genug Leute, die mir gesagt haben, ich kann nicht bei den Besten mithalten und nebenbei sehr gute Leistungen im Studium erbringen – aber wenn man es nicht probiert, hat man von vornherein schon verloren.

Übernehme Verantwortung

Im Leistungssport habe ich viel über mich, meine Grenzen und meinen Körper gelernt. Ich habe gelernt, Verantwortung für meine eigenen Entscheidungen und meinen Erfolg zu übernehmen und mit den Konsequenzen meiner Entscheidungen zu leben. Ich habe gelernt, nicht aufzugeben, wenn es hart wird und jeden Tag hart für meine Ziele zu arbeiten – auch wenn man sich gerade nicht danach fühlt. Ich nehme aus dem Leistungssport viel mit, aber bin auch froh, inzwischen wieder mehr Zeit für meine nicht-sportlichen Leidenschaften zu haben. Trotzdem bewege ich mich noch immer fast täglich – weil der Kopf doch besser funktioniert, wenn der Körper auch ausgelastet und zufrieden ist. Frei nach dem Motto: Healthy body, healthy mind.

Wir sehen es wie Sophia: Ein gesunder Geist lebt in einem gesundem Körper. Deshalb möchten wir Sie auf unseren Workshop „Gesundheitsguide“ aufmerksam machen, der bald stattfindet. In dem kompakten und praxisorientierten Seminar mit BGM-Expertin Heike Schönmann lernen Sie, wie Sie ein gesundheitsförderndes Arbeitsumfeld im Unternehmen schaffen können.

Sophia Saller
Sophia Saller

Researcherin und Forschungsbereichsmanagerin am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Promotion an der University of Oxford, Mitglied der Deutschen Triathlon Nationalmannschaft 2014-2019, Vize Europameisterin, U23 Weltmeisterin und Deutsche Meisterin im Triathlon 2014

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